Transhumanismus nennt sich die Zukunftsvision, in der wir Menschen von Computern ersetzt werden und ein digitales «ewiges» Leben erhalten. Wie kann die Literatur auf diese Herausforderung reagieren?

Transhumanismus ist so alt wie die menschliche Phantasie. Soviel vorab zur Entspan- nung. Denn Entspannung ist nötig in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der – auf der einen Seite – kulturpessimistische Apokalyptiker den totalitären Teufel an die Wand malen, während – auf der Gegenseite – naive Sunnyboys aus dem Silicon Valley versuchen, die Menschheit zu optimieren und neu zu erfinden. Dass sie dabei auch noch steinreich werden, ist der (nicht sehr geheime) Nebeneffekt der neuen Mensch-heitsbeglückungs-GmbHs. Nur: Das Glück des Menschen stellen wir uns anders vor als im Zeitalter der so genannten «Singularity» ein körperloses Dasein im globalen Super- computer zu fristen. Doch zur produktiven Kritik gehört nun mal Entspannung, d.h. der nüchterne und informierte Blick auf das, was ist, sein kann und sein soll. Kritische Entspannung, die es uns erlaubt, den medizinischen, ökonomischen und ökologischen Weizen von der technokratischen und ideologischen Spreu zu trennen.

Schöne neue Aussichten

Es ist gewiss begrüssenswert, wenn avancierte Technologien Blinde wieder sehend und Lahme wieder gehend machen, wenn komplex vernetzte Computer für mehr Ver- kehrssicherheit, einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen oder bessere Krank- heitspräventionen sorgen. Keine Frage. Die Szenarien der so genannten Transhumanisten gehen über solche Fortschritte aber weit hinaus. Ihre Ambitionen zielen auf eine radikale Wende der menschlichen Evolution: auf die Abschaffung des biologischen Körpers als unvollkommene und dem Tod geweihte «Wetware». Der Mensch werde, so heisst es u.a. beim amerikani-

schen Futurologen Raymond Kurzweil, der vor 3 Jahren von Google als Berater engagiert wurde, spätestens zur nächsten Jahr- hundertwende von einer neuen Spezies abgelöst: dem autonomen, bewusst denkenden, mit Willen und Emotionen ausgestatteten «transhumanen» Computer.

Transhumanismus & Literatur

Dass Menschen ihre unmittelbare empirische Wirklichkeit transzendieren, diese in ihrer Phantasie und ihrem Denken – via Kunst, Religion, Philosophie und Wissen- schaft – überschreiten, unterscheidet sie von anderen Lebewesen unseres Planeten. Schon die Mythen der Antike erzählen solche Transgressionen. Prometheus, Pygmalion und ihre zahlreichen Nachfolger betätigen sich schon früh als gottähnliche (Kunst-)Schöpfer. Die Weltliteratur kennt eine Fülle von Texten, in denen künstliche Wesen durch Magie und Kunst, später auch durch phantastische Technik zum Leben erweckt werden. Es ist hier aber nicht möglich, die Geschichte des literarischen Transhumanismus vom Pygmalion-Mythos über die spätromantische Phantastik bis hin zu den Roboter-Romanen, Cyborg-Manifesten und Matrix-Filmen der Gegenwart nachzuzeichnen. Mir geht es vielmehr um den Transhumanismus als Diskurs, als modernes, nach bestimmten Regeln konstruiertes Narrativ. Ausserdem sollen kurz die «transhumanistischen» Aspekte des Literaturbetriebs und der Literaturwissenschaft angerissen werden. Zum Beispiel die Frage, inwiefern die Literatur und ihre Agenten bzw. User (AutorInnen, LeserInnen, VerlegerInnen, KritikerInnen, Wissenschaftle- rInnen) am Prozess einer allmählichen Enthumanisierung bzw.

 

Entkörperlichung beteiligt sind und was sie allenfalls dagegen tun könnten. Werden, nachdem Textverarbeitungsprogramme und Datenbanken, E-Books, Online-Buchhandlungen und Print-on-demand-Self-Publishing die «Gu- tenberg-Galaxis» bereits ins Schleudern gebracht haben, demnächst nicht nur Setzer, Korrektoren, Buchhändler und Verleger, sondern auch die Autoren selbst ersetzt durch Algorithmen, die Bestseller berechnen und garantieren? Wie naiv oder wie pessimistisch muss man sein, um solche Entwicklungen für möglich zu halten?

Für die Vorstellung, gut programmierte Maschinen könnten die menschliche Krea- tivität einst vollständig ersetzen, wurde sogar bereits eine Art «Turing-Test» der Litera- tur präsentiert: Am Tag, an dem wir nicht mehr unterscheiden könnten, ob ein Liebesgedicht von einem Menschen oder von einer Maschine verfasst worden sei, könne die Literatur mit ihrem archaischen Kult des «Originalgenies» einpacken. Ein ebenso beklemmender wie letztlich unsinniger Gedanke, denn Menschen sind schon lange in der Lage, wie Maschinen zu schreiben … Wie aber ist die neuerdings gar nicht mehr abreissende Flut an Romanen und Hollywood-Filmen zu deuten, in denen künstliche Intelligenzen zum Leben erweckt und in emotionale bis erotische Interaktionen mit biologischen Menschen treten? Üben wir etwa schon? Sollen diese transhumanistischen «Mythen des Alltags» die gesell- schaftliche Akzeptanz erhöhen, damit wir uns rechtzeitig an die umfassende Digitalisierung und Virtualisierung der Welt gewöhnen? Auch für die (Literatur-)Wissen- schaft stellen sich Fragen: Werden durch den Einsatz von Quantencomputern Ab- straktionen und Generalisierungen, also Theorien und Modelle des Verstehens, demnächst überflüssig, weil im Reich von Big Data jedes Phänomen in seiner empirischen Singularität und Partikularität einfach durchgerechnet werden kann?

Zwischen Pessimismus und Naivität

So richtig problematisch aber wird es, wenn Transhumanismus in Posthumanismus kippt. Gerade diese radikale Konsequenz des transhumanistischen Denkens ist ein beliebterGegenstandderSF-Literatur.Kein zweiter Bereich der Wissenschaft wurde so gründlich diskutiert und ausphantasiert wie die Interaktion von Mensch und Maschine. Die von Vertretern des Transhumanismus wie Hans Moravec, Raymond Kurzweil oder Nick Bostrom mit quasi mystischer Inbrunst beschworene «Singularity», d.h. der Moment des Hirn-Uploads, der ultimativen Fusion mit der Maschine, erscheint dabei als eine Art Wunder oder Heilsversprechen, als erlösender Eintritt in die Totalität der Superintelligenz. Ob ein solcherart hochgeladenes Bewusstsein allerdings tat- sächlich seine transtemporale persönliche Identität bewahrt und damit die versprochene virtuelle Unsterblichkeit erhält, oder ob der Upload nur eine Kopie der ursprünglichen Inhalte und Strukturen anfertigt, ist eine in den Gedankenexperimenten der Futuristen nicht einmal erwähnte Frage. TypischfürdieAntizipationenderLiteratur ist ihr Pessimismus. Von den Mutanten der spätromantischen Phantastik bis zur klassischen SF eines Stanislaw Lem gilt die Regel: Das Prinzip Hoffnung hat in der Literatur nichts zu suchen, erst recht nicht in den Dystopien der zeitgenössischen SF. Doch versteht sich dieser Pessimismus von Anbeginn als Gegengewicht zur Naivität fortschrittsgläubiger Optimisten, die bei ihren technizistischen Zukunftsentwürfen systematisch alle wesentlichen sozialen, psychischen und politischen Probleme ausblenden. Es wäre daher verfehlt, die Literatur mit ihren phantasievollen Entwürfen für die Genese des posthumanistischen Weltbilds verantwortlich zu machen, auch wenn sie in vielen Bereichen äusserst in- spirierend auf die Visionen des Transhumanismus gewirkt hat. Was aber bedeutet es, wenn derartige Entwicklungen heute nicht mehr, analog zu den Szenarien der frühen SF, in den Händen einiger ver- sprengter, auf Inseln und in dunklen Schlössern agierenden «Savant-fous» lie- gen, sondern von weltweit führenden, global präsenten Informatik-Unternehmen wie Google & Co vorangetrieben werden? Was wäre dem merkantilen Griff nach den Gehirnen noch entgegenzusetzen?

Es lebe die Literatur!

Wie können Literatur und Literaturwissenschaft auf diese Herausforderung reagieren? Gewiss nicht als reine «Geisteswissenschaft», die den Mythos eines vom Körper unabhängigen und daher ablösbaren Bewusstseins fortschreibt. Sondern – auch! – als ein Wissen von den Interaktionen zwischen Denken und Körper, als eine Art Bio-Poetik, in der sinnliche Aspekte wie Klang, Rhythmus, Performatives und Emotionales eine zentrale Rolle spielen. Womöglich öffnet sich gerade ein neues Kapitel der uralten, in der Geschichte der Ästhetik so zentralen Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Leben.

Par Sabine Haupt.

Cet article a préalablement été publié dans Universitas.